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Das Haus



Auf einem Bergsporn in den Ruhrhöhen errichtete Graf Adolf V. von Berg im ausgehenden 13. Jahrhundert eine Burg um die Ruhrbrücke an der Straße zwischen Kettwig und Ratingen zu sichern. Sie blieb bis zum Jahr 1713 Sitz der Ritter von Landsberg und war nach starken Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg ausweislich zweier Bauinschriften in den Jahren 1655 und 1666 wiederaufgebaut und in Teilen erneuert worden.

Die historische Anlage dokumentieren heute noch der mittelalterliche Bergfried und große Teile der alten Ringmauer, die neuzeitliche Überformung von Palas und Remisen sowie das Torhaus. Massive Substruktionen und Terrassenanlagen erweiterten das Anwesen während des 18. Jahrhunderts im Auftrag des Erben und damaligen Burgherrn Freiherr von Bevern. Auf ihn gehen wohl auch die Parkanlagen und die bei Roidkin überlieferte, erst 1991 abgebrochene Orangerie zurück. 1825 verkaufte die verwitwete Freifrau von Bevern das Rittergut Landsberg an den Freiherrn von Carnap.

1837 gelangte die Burg durch Verkauf an den westfälischen Zweig derer von Landsberg, an Freiherrn Engelbert von Landsberg-Velen zu Drensteinfurt, und damit an die angestammte Familie zurück. Diese nutzte das Anwesen überwiegend als Sommerwohnsitz. 1903 erwarb August Thyssen (1842-1926) die in den letzten Jahren von den Eigentümern nur noch selten besuchte, stark baufällig gewordene Burg mitsamt dem umliegenden Waldgelände. Auch wenn die Mehrzahl der Ruhrindustriellen im Verlauf des 19. Jahrhunderts ihre repräsentativen Wohnsitze als Neubauten errichteten - im reichsweiten Vergleich stellt August Thyssen mit der Standortwahl „Burg“ keinen Ausnahmefall unter den bürgerlichen Bauherren dar.



Unter der Leitung des Hannoveraner Architekten Otto Lüer fand in den Jahren 1903 bis 1904 die Umgestaltung der überkommenen Burganlage statt; die Gestaltung von Garten und Park lag in Händen des Hannoveraner Stadtgartendirektors Julius Trip. Die strukturellen Eingriffe in das Gefüge der Burganlage betrafen überwiegend die Zusammenlegung von Räumen, die Ergänzung einzelner untergeordneter Baukörper, die Überformung der Fassaden und die Akzentuierung der Gebäudekubatur durch die Neuausrichtung von Dächern und Giebeln. Am Außenbau verbinden sich Elemente der ‚Deutschen Renaissance’, in Anlehnung an vorgefundene Formen, mit Jugendstil-Motiven. Insgesamt wird die bauliche und künstlerische Fortschreibung der historischen Anlage deutlich.



Bedingt durch die Vorgaben der historischen Burganlage war die freie Organisation der inneren Raumfolge zwar eingeschränkt; dennoch bildet die funktionale Struktur der Repräsentations- und Gesellschaftsräume ein für das ausgehende 19. Jahrhundert nahezu verbindliches Repertoire ab, das bei zahlreichen Landhäusern und Villen um 1900 noch zur Anwendung kam. Es wurde durch die seinerzeit weltberühmte Mainzer Ausstattungsfirma Bembé auf eine individuelle Weise umgesetzt und mit den speziellen Bedürfnissen und Gewohnheiten des zum Zeitpunkt des Umbaus bereits geschiedenen Hausherrn in Einklang gebracht. Der Bereich der Repräsentation im Erdgeschoss ist dabei deutlich getrennt von der Ebene des Privaten im Obergeschoss.



Die Dekoration der Innenräume, jeweils auf die spezielle Raumnutzung abgestimmt, ist geprägt von der Vielfalt der späthistoristischen Einrichtungsstile, die mit modernen Elementen in Verbindung treten (‚Moderne Renaissance’, ‚Modernes Empire’ etc.). Dabei wird nicht mehr an aristokratische VorBILDER angeknüpft; vielmehr werden zeitgenössische Innenausstattungen, etwa die der großen Ausstellungen, Hotel- und Kurhausarchitekturen rezipiert. Das Eindringen internationaler Einflüsse, vorwiegend aus England und den USA, offenbart darüber hinaus frühe Ansätze eines ‚Internationalen Stils’. Von der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 stammt das wohl berühmteste Landsberger Ausstattungsstück, das Jugendstil-Bad der Straßburger Firma Volz & Wittmer im ‚besten Gästeappartement’.



Gemälde, Skulpturen und Antiquitäten auf Schloss Landsberg zeugen vom Wunsch des Hausherren, sich mit Kunst und Werten zu umgeben und nicht zuletzt auch von der Überzeugung, mit einer angemessenen Sammlung sowohl Wohnsitz als auch Lebensstil und damit Außenwirkung zu veredeln. Dabei wurde den Landsberger Beständen niemals eine größere Aufmerksamkeit zuteil. Sie stellen die womöglich typische Sammlung eines Wirtschaftsbürgers dar; in der Zusammenschau höchst individuell - zahlreiche Objekte gelangten auch als Geschenk nach Landsberg - jedoch ohne Anzeichen einer ausgeprägten Kennerschaft, welche schließlich die Sammlungen der nachfolgenden Generationen (Heinrich und Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza) kennzeichnet. August Thyssen erwarb überwiegend Kopien nach Werken alter Meister, aber auch Porträts des Fürsten Bismarck und des Grafen Moltke von der Hand des Künstlerfürsten Franz von Lenbach.

Darüber hinaus finden sich auf Schloss Landsberg zeitgenössische Objekte von Künstlern der Düsseldorfer Malerschule oder der Berliner Bildhauerschule. Hervorzuheben ist schließlich die Leidenschaft des Hausherrn für die Arbeiten des französischen Bildhauers Auguste Rodin. Um den Kauf der sechs für den Wintergarten von Schloss Landsberg ausgewählten Marmorskulpturen ebenso wie um die Gunst des Künstlers hatte sich August Thyssen persönlich bemüht. Die heute noch nachzulesende Korrespondenz ist ein ausgesprochen beredtes Zeugnis für den kulturellen Habitus des Industriellen, aus der - bei aller naiver Verehrung für die Person Rodins und dessen Lebenswerk - so deutlich der rational kalkulierende Geschäftsmann spricht.

Mit dem Tod August Thyssens am 4. April 1926 wurde Schloss Landsberg einschließlich aller Liegenschaften in eine Stiftung eingebracht - dem Wunsch des Bauherrn gemäß, der erst zwei Jahre später auf Landsberg seine letzte Ruhestätte fand. Nach den Entwürfen des Mülheimer Architekten Ernst Haiger wurde im Auftrag der Erben in das Untergeschoss des Bergfrieds eine Familiengruft eingerichtet, in der sich auch die Grabstätten der Söhne Fritz und Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza befinden sowie seit jüngster Zeit auch die letzte Ruhestätte von August Thyssens Enkel, dem bedeutenden Kunstsammler Hans Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza.

Nach einer wechselhaften Nutzungsgeschichte des Schlosses während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit ist seit 1989 die Thyssen AG (heute ThyssenKrupp) Mieterin des Anwesens. Sie leitete auch Instandsetzung, Modernisierung und Restaurierung der Baulichkeiten in die Wege, die seit 1993 zu Seminar- und Tagungszwecken genutzt werden. Zur Unterbringung der Gäste errichtete man im abgerückten Bereich des ehemaligen Nutzgartens, nach Entwurf des Düsseldorfer Büros Hentrich-Petschnigg & Partner, einen turmartigen Neubau, der die Formensprache der historischen Anlage aufnimmt.

Lageplan


Literaturauswahl zu Schloss Landsberg
  • Carl-Friedrich Baumann (Hg: Thyssen AG und ATS Schloß Landsberg): Schloß Landsberg und Thyssen, o.O. 1995.
     
  • Paul Clemen: Landsberg, in: Paul Clemen (Hg.): Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Kreises Düsseldorf (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Bd.3. 1), Düsseldorf 1894, S. 148-151.
     
  • Wilfried Hansmann / Gisbert Knopp: Rheinlands Schlösser und Burgen; hrsg. v. Alexander Duncker 1857-1883. Zur Hundertjahrfeier der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde neu herausgegeben und kommentiert (= Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde. 62). 2 Bde. Düsseldorf 1981 (Bd.1, o.P.; Bd.2, o.P.)
     
  • Gisbert Knopp (Hg: Thyssen AG und ATS Schloß Landsberg): Schloß Landsberg, Aufl. 3, o.O. 1995.
     
  • Gisbert Knopp: Schloß Landsberg in Ratingen (Rheinische Kunststätten 291), Neuss 1984.
     
  • Heinrich Knüfermann: Geschichte des Schlosses Landsberg bei Kettwig an der Ruhr. Mülheim 1904.
     
  • Otto Lüer: Schloß Landsberg an der Ruhr, in: Deutsche Bauzeitung 40. Jg. Nr. 28, S. 191- 195, Berlin 7. Apr. 1906.
     
  • Gertrud Milkereit: August Thyssen und Auguste Rodin, in: Unsere ATH - Werkzeitschrift der August- Thyssen- Hütte AG, Duisburg- Hamborn 1966, S. 20-21.
     
  • Antoinette Le Normand-Romain (Hg.): Rodin, Les marbres de la collection Thyssen 8.10.1996 - 5.1.1997 1996.
     
  • Carl Roehrer: Die Gruftkapelle August Thyssen, in: Die Kunst 29 Jg., Apr. 1928, S. 224-226.
     
  • Schloß Landsberg, in: Neudeutsche Bauzeitung, S. 823, 1913.
     
  • Schloß Landsberg. Neue Nutzung. Historischer Bau saniert, in: Thyssen Aktuell, 6, 1992, S. 4-6 (38. Jg.) Hrsg. Thyssen Aktiengesellschaft.
     
  • Schloß Landsberg a. d. Ruhr, in: Neudeutsche Bauzeitung, 1913. S. 818 mit 2 Innenräumen o. Text.
     
  • Bernd Syben: 1200 (tausendzweihundert) Jahre Werden. Dokumentation über die wahre Gründung des Stiftes Werden durch den Apostel der Friesen und Sachsen - Pbr - Abt - Bischof hl. Ludgerus (742-809). Bd. 1, Bd. 1, Essen, Düsseldorf, Köln, London 1999, S. 178.
     
  • Helmut Weidle: Im Fluge durch Ratingen. Alte Ansichtskarten ab 1897, 3 Bd. Horb am Neckar 1989, Bd. 3 S. 151-153.