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Aneignung eines Mediums: fotografische Praktiken um 1970/1980

Exkursion Hannover u. Berlin 11.01. – 15.01. 2017

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  • Foto: Hauke Ohls

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Im Januar 2017 begaben sich 11 Studierende des Kunsthistorischen Instituts unter Leitung von Prof. Herta Wolf auf eine Reise zurück in die 1970er/80er Jahre. Eine Zeit, in der die fotohistorischen und –praktischen Arbeitsweisen noch im Begriff waren, sich gleichermaßen auszudifferenzieren wie die Rolle der Fotografie im Kunstmarkt, in der Verlagsarbeit sowie in den Ausstellungsinstitutionen in ganz Europa. So zeigte beispielsweise die documenta 6 1977, erstmalig eine Sektion zur Fotografie sowie zum Film und ging so als „Medien-documenta“ in die Geschichte ein. Weiterhin ist eine autodidaktische Bewegung zu verorten, die u.a. von der Berliner Werkstatt für Fotografie ihren Ausgang nahm; sie, mündete nicht nur in die Aufnahme der Fotografie in die Curricula der Kunsthochschulen, sondern führte auch zur Etablierung von Ausstellungsplattformen wie dem Forum Stadtpark in Graz oder der Galerie Wilde in Köln.

Unsere Spurensuche begann am 11. Januar in Niedersachsen mit der Ausstellung „Und plötzlich diese Weite“ im Sprengelmuseum in Hannover. Dr. Stefan Gronert, Kurator für Fotografie, berichtete uns und den Fotoklassen von Heidi Specker, Tina Bara und Peter Piller von der HGB Leipzig über die Entstehung fotografischer Zeitschriften, zur Konzeption und Rezeption der documenta 6 und die Spectrum Photogalerie in Hannover. In der Kestner-Gesellschaft lauschen wir anschließend psychedelischen Sounds des zeitgenössischen Künstlers James Richards in der Toninstallation Crumb Mahogany (2016). An Abend reisten wir dann weiter nach Berlin, die Wiege der Werkstatt für Photographie von Michael Schmidt. 1976 nahm diese an der Volkshochschule Berlin Kreuzberg ihre Arbeit auf und wurde zum Begegnungszentrum für deutsche und US-amerikanische Fotografen.

Die documenta 6 in Kassel und diverse Galerie-Eröffnungen der 1970er Jahre gelten freilich nicht als erste Foto-Ausstellungen im deutschsprachigen Raum. Bereits im 19. Jahrhundert bildeten sich Sammlungen in Hamburg, Leipzig und Dresden aus: so konnte die Hamburger Kunsthalle bereits 1893 eine Foto-Ausstellung konzipieren. Ein Teil dieser Konvolute konnten wir am 12. Januar in der Kunstbibliothek in Berlin bestaunen: die Sammlung Ernst Juhl. Am späteren Nachmittag hatten wir dann ein Gespräch mit dem Kurator der Newton Stiftung, Dr. Matthias Harder, der uns Helmut Newtons exzentrisches Werk und seine Lebensweise näher brachte. Später empfing uns im selben Hause der Leiter des Museums für Fotografie, Dr. Ludger Derenthal, und sprach ganz offen über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten seines Berufsfeldes. Als krönenden Abschluss besuchten wir dann im Amerika Haus / C/O Berlin die Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ mit einer Führung von Felix Hoffmann und Thomas Weski, Kurator der Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt, der selbst die Werkstatt für Fotografie besucht hatte. Dabei wurden Arbeiten von renommierten amerikanischen Fotografen wie Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, Larry Fink und Stephen Shore, die in der Werkstatt ausgestellt wurden, gezeigt und Fotografen, Dozenten und Gästen der Werkstatt wie Gosbert Adler, Christa Mayer, Friedhelm Denkeler, Thomas Florschütz, Ulrich Görlich, Gundula Schulze Eldowy, Manfred Willmann und Ulrich Wüst dialogisch gegenübergestellt.

Am Freitag widmeten wir uns in der Früh vergleichend der im selben Zeitraum entstandenen fotografischen Praxis in der DDR in der Berlinischen Galerie. Im Archiv erweiterte Ulrich Domröse, Kurator für Fotografie, unseren Horizont über die Arbeitsweise der DDR-Fotografen und ihren diversen Zugängen, die sehr viel freier waren als wir angenommen hatten. Wir sahen die ethisch umstrittene Serie „Gesichter der Toten“ von Rudolf Schäfer, hinterfragten die Authentizität von Dokumentationen von Christian Borchert sowie der Westdeutschen Gabriele und Helmut Nothelfer und beschäftigten uns außerdem mit Sibylle Bergemanns Serie „Palast der Republik“ und Roger Melis’ Künstlerporträts. Zu Mittag ging es dann weiter in die Sammlungspräsentation einiger fotografischer Werke von Heinrich Zille, Erich Salomon und Nicola Perscheid in der Sektion „Kunst in Berlin 1880 bis 1980“. Nach einer Mittagspause fuhren wir ins Bauhaus-Archiv. Die Fotoarchivarin, Frau Sabine Hartmann, ermöglichte uns – trotz Umbaus – den Zugang zu fünf Vintage-Prints von T. Lux Feininger sowie Walter Peterhans und seiner Schülerin Gertrud Arndt. Als letzten Programmpunkt schauten wir danach noch die Sonderausstellung „lucia moholy. die englischen jahre“ im Hause an und zogen zu einem wohlverdienten Abendessen in das schwäbische Exil-Lokal: die Maultaschen-Manufaktur.

Mit neuer Energie starteten wir dann den vorletzten Tag mit einem Gespräch mit  Dr. Christiane Stahl, Leiterin der Alfred Ehrhardt Stiftung. Wir gewannen einen spannenden Einblick in die Stiftungsarbeit und ließen uns in der Künstlerführung mit Andrej Zdravič durch seine Film-Installation „Ocean Cantos“ treiben, die verschiedene Strände Spaniens und ihre Wasserstimmungen in Bild und Ton einfängt. Tiefenentspannt ging es so weiter zu Pizza und Pasta ins stadtbekannte Due Fratelli. So gestärkt erreichten wir im Anschluss den Neuen Berliner Kunstverein und die Ausstellung „Candida Höfer. Nach Berlin“. Die schnellgeschaltete Diashow ihrer Arbeit „Türken in Deutschland“ von 1979, die türkisch-stämmige Gastarbeiter und ihre Umfeld einfängt, fanden wir besonders interessant und sahen darin einen Bruch mit den restlichen, abstrakteren Werken. Am späteren Nachmittag sahen wir mit der Ausstellung „Robert Doisneau – Fotografien. Vom Handwerk zur Kunst“ im Martin-Gropius-Bau eine weitere Koryphäe der Fotografie und damit den Abschluss unserer fixen Exkursionspunkte.

Abschließend konnten wir dann den Sonntag zur freien Gestaltung nutzen und eigenständig Ausstellungen besuchen. Höchst brisant ging es dabei beispielswiese in der Akademie der Künste zu, die „Uncertain States. Künstlerisches Handeln in Ausnahmezuständen“ zeigte oder aber im Martin-Gropius-Bau in der Ausstellung „Omer Fast. Reden ist nicht immer die Lösung“. Beide Ausstellungsformate reflektieren zeitgenössische politische Diskurse.

Die Exkursion nach Hannover und Berlin gab uns folglich nicht nur Aufschluss über die Ausdifferenzierung der fotografischen Praxis im deutschsprachigen Raum, sondern auch über die Entwicklung von Ausstellungsplattformen und Publikationsorganen in den 1970er und 80er Jahren. Weiterhin konnten wir spannende Einblicke in die diversen fotohistorischen Arbeitsbereiche gewinnen: von der Archivleitung, über die Forschung, weiter zur Stiftungsarbeit bis hin zum Kuratieren von Ausstellungen.

(Ein Bericht von Mona Schubert)